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Schon seit
Menschengedenken wirft eine verborgene Furcht weit ihre Schatten: die Angst, von anderen
Menschen, dem eigenen Gewissen oder sogar von Gott selbst gerichtet und verurteilt zu
werden; sie dämpft die unbeschwerte Lebensfreude unzähliger Menschen. Somit ist Angst
ein Thema, das zu allen Zeiten aktuell war. Jeder Mensch kennt, jeder Mensch hat sie. Denn
ohne sie würde es kaum gelingen, auch nur die Straße zu überqueren. Aber es war und ist
verpönt, darüber zu reden; Angst ist ein großes Tabu. Und trotz Fortschritt und
Aufklärung ist sie noch immer - oder schon wieder! - verboten. Also wird jegliche Angst
hinter einer mehr oder weniger gut funktionierenden Maske verborgen - man schämt sich
ihrer. Wir gaukeln uns und unseren Mitmenschen vor, dass wir alles im Griff haben.
Allerdings bekommt man schon bald den Eindruck, dass es sich in der Regel um eine Fassade
handelt, deren Pflege viel Kraft verbraucht, um die Unvollkommenheit dahinter zu
verstecken. Und bei näherem Hinsehen kann man rasch erkennen, dass wir nicht nur nichts
im Griff haben, sondern dass vielmehr wir im Würge-Griff der Angst sind, uns
»die
Angst im Nacken sitzt«! Reicht aber die Kraft für diese Schutzwand aus Schweigen und
Scham nicht mehr aus, greifen wir zu angstlösenden Mitteln, zu Beruhigungsmitteln. Angst aber ist in der Regel keine Krankheit - zumindest so lange sie nicht durch organische (d.h. auf anatomische Veränderungen im Organismus beruhende) bzw. funktionelle (d.h. infolge der Funktionsstörung eines Organs) auftretende Veränderungen ausgelöst wird. Sie gehört zu unserem Leben, weil sie mit körperlichen, seelischen oder sozialen Entwicklungsschritten zusammenhängt. Immer bedeutet ein solcher Schritt eine Grenzüberschreitung und fordert von uns, von etwas Gewohntem, Vertrauten uns zu lösen und in Neues, Unbekanntes uns zu wagen. In einem langen Entwicklungsprozess haben wir gelernt, die simple Regelmäßigkeit der Ordnungen in unserer vertrauten Welt zu schätzen. Und nun muss umgelernt, oder besser noch, dazugelernt werden: Turbulenzen, Unregelmäßigkeit und Unvorhersagbarkeit sind überall, nämlich die natürliche Dynamik des Lebens. Das Annehmen und Meistern der Angst, all diese Turbulenzen und »chaotischen Gefühle« bewusst zu erleben, anzunehmen, zu transformieren und konstruktiv zu nutzen, bedeutet einen Entwicklungsschritt. Die Verweigerung, das Ausweichen vor ihr lässt uns hingegen stehen bleiben; es hemmt unsere Entwicklung - und führt zu Ängsten. Unser Bewusstsein widersteht also von Natur aus allem Neuen, Unbekannten. Bei primitiven Völkern besteht etwas, das die Anthropologen als »Misoneismus« bezeichnen, eine tiefe, abergläubische Furcht vor allem Neuen. Doch der sogenannte zivilisierte Mensch reagiert auf ganz ähnliche Weise, indem er psychische Barrieren errichtet, um sich vor dem Schock des Neuen zu schützen. Angst lässt
sich selten
mit vernünftigen Argumenten beseitigen; sie hat viele Ursachen. Sicher ist,
dass viele
Menschen überfordert sind mit der Vielfalt von Informationen, die auf sie einströmt, mit
dem Verfall vieler Normen, mit der raschen technischen und gesellschaftlichen Entwicklung.
Unsicherheit und Angst machen sich breit, die Angst vor der Erschütterung des
althergebrachten, ehrwürdigen Denkens. Alle scheinen versagt zu haben: die Religion, die
Politik, die Familie: alle großen Modelle sind gescheitert. In den späten 60er und den
70er Jahren erlebten wir einen so radikalen Umbruch der Werte, dass die Ausläufer dieser
gewaltigen Springflut auch heute noch nicht verebbt sind. Die alten Rollenmuster gelten
nicht mehr, nur wenige neue sind an ihre Stelle getreten. »Konservative Werte« wie
Disziplin, Gehorsam, Treue, Unterordnung, Anpassungsbereitschaft, Fügsamkeit verloren
ihre Bedeutung; doch wurden sie nicht durch qualitativ gleichwertige oder gar bessere
ersetzt. Vielmehr wurden diese »Gemeinschaftswerte« pervertiert und auf den Kopf
gestellt, und heraus kamen »Selbstentfaltungswerte« wie Emanzipation, Individualismus
oder sogar Hedonismus. Aber: Es geht nicht mehr um ein neues System, eine neue
Ideologie oder eine neue Wahrheit. Es geht ganz einfach um das Glück, um
das Recht, sich das Leben zu nehmen - wohlgemerkt: das Recht zu leben nehmen,
nicht zu sterben! Warum aber liegt eine so
große Furcht in unseren Herzen, die uns davon abhält, die Augen zu öffnen und den
individuellen Geist in uns zu erwecken, um uns der Wahrheit zu stellen? Haben wir Angst
vor der Einsicht, dass die Wahrheit unsere kostbaren Ideale, unser sorgfältig
zusammengeklaubtes Weltbild erschüttern und mit eiserner Faust hinwegfegen könnte? Eine der Lebens-Lügen,
an der wir genüsslich-selbstquälerisch festhalten, wenn nicht sogar die beliebteste, ist
der Traum von der »glücklichen Kindheit, in der ich alles hatte«. Manchmal geben
Menschen vor, jene zu lieben, vor denen sie Angst haben, und sie glauben auch fest daran;
aber solche Liebe beruht gewöhnlich auf Verdrängung der darunter liegenden Gefühle von
Furcht und Hass. Viele Klienten behaupten am Anfang der Beratung, sie lieben ihre Eltern.
Wenn sie dann allmählich erkennen, wie sehr sie sich vor Vater oder Mutter gefürchtet
haben, löst sich diese Empfindung auf und verwandelt sich in realen Zorn. Denn nur allzu
oft, wenn nicht sogar immer, ist der Grundstein für diese ganz persönlichen
tiefliegenden Ängste weit zurück in den ersten Jahren der Kindheit gelegt worden. Und es
zeigt sich immer wieder, dass die unbekannten bzw. unerkannten Verletzungen und die üblichen
Kränkungen in der Kindheit uns unfähig machen, auf die große Herausforderung
einzugehen: erwachsen werden. Doch wer diese Fehlersuche überspringt, läuft Gefahr,
weitere Irrtümer zu produzieren, sich in weiteren Ängsten zu verstricken! Ein kleines
Beispiel: wenn Sie in Ihrer Kindheit immer gehört haben: "Du sollst nicht... Du
kannst nicht... Du darfst nicht... das ist verboten... das tut man nicht", dann
können Sie davon ausgehen, dass es häufig diese Verbote sind, die Sie bis zum Erwachen
davon abhalten, Sie selbst zu sein! Und dazu noch die spätere Verstärkung durch die
Devise unserer Leistungsgesellschaft, die diese Ge- und Verbote unterstützt: sich nicht
unterkriegen lassen... keine Schwächen zeigen... so tun, als ob...; alle diese Verbote
aber enthalten die versteckte Botschaft: sei nicht bzw. sei nicht Du selbst! So
wachsen Sie auf mit dem (unbewussten) Wunsch, den Eltern alles recht machen zu wollen, Sie
handeln, sprechen, reagieren, fühlen und denken so, wie es Ihrem Empfinden nach die
Eltern getan hätten. Und nun beschließen Sie eines Tages, etwas in Ihrem Leben zu
verändern, etwas, was diesen inneren Regeln widerspricht. Aber das wissen Sie natürlich
nicht, denn wer denkt schon über diese Zusammenhänge nach. Und dann passiert es: wie aus
heiterem Himmel taucht die Angst auf, scheinbar grundlos; denn das in Ihnen verankerte
Gesetz kennen Sie ja nicht. Wohlgemerkt: dies ist nur
ein Beispiel, wenn es auch oft den Tatsachen entspricht. Und es geht hier nicht darum, den
Eltern Schuld zuzuweisen; denn die steckten in der Regel ja in dem gleichen Dilemma. Auch
ist es müßig, die Gesellschaft zur Verantwortung ziehen zu wollen. Vielmehr sollte man
doch von einem erwachsenen Menschen erwarten können, dass er die Verantwortung für sein
Leben selbst übernimmt. Schuldzuweisungen hingegen sind ein Zeichen von Unreife. Und
jeder entwickelt eigene Mechanismen, biographischen Ballast zu tragen. Leisten
wird oft ein Synonym für leben, und all das, um dem Vater, der Mutter zu
beweisen, wozu man fähig ist - oftmals über das Grab hinaus! Es ist eine Sehnsucht, die
wie eine Wunde brennt, die nicht mehr heilen kann: der Wunsch nach Anerkennung durch das
elterliche Vorbild. Da ist eine Traurigkeit, die uns blitzschnell überfällt. Wir
ertragen sie nicht, agieren sie aus oder lassen uns in eine Depression fallen. Und wie oft
halten wir inne nach einer vollbrachten Leistung und fragen in uns hinein: "Ist das
genug, Vater? Gefalle ich Dir so, Mutter? Seid Ihr nun stolz auf Euer Kind?" Und damit hat sie ihr Ziel erreicht: Angst will uns lähmen, am Leben hindern!
Doch gleichzeitig ist Angst ja ein Zeichen von Leben, ein Zeichen der Dynamik des Lebens. Leben macht sich bemerkbar, sucht Veränderung. Angst tritt immer dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Doch statt uns der Anforderung des Lebens zu stellen, lassen wir uns von der Angst lähmen, und diese Lähmung kommt dem menschlichen Bedürfnis nach Ruhe sehr entgegen. Von Natur aus ist der Mensch, ist die Menschheit ja eine träge Masse, die darauf bedacht ist, diesen Zustand der Ruhe für immer zu erhalten. So geht der allergrößte Teil der täglichen Aktivitäten dafür drauf, das Seiende, den Ist-Zustand zu erhalten und zu bewahren. Das ist so, wir müssen es akzeptieren, es zur Basis für weitergehende Gedanken machen - um uns dann zu erheben, die Trägheitsgesetze außer Kraft zu setzen und uns z.B. fragen: "Wie bringe ich mich trotz der angeborenen Trägheit zum Handeln", wenn wir uns befreien wollen! Leben nämlich ist dynamisch, statisch ist der Tod! Denn ein anderer wird das nicht für uns tun; er kann es gar nicht! Und dann kommt die nächste wichtige Frage: warum? Es muss also ein Anreiz vorliegen. Und hier setzt die große Lähmung ein: was soll ich ändern und was bringt mir das? Und schon steigt Unsicherheit in uns auf bei diesen Fragen, produziert Versagens- und Verlustängste; wir sind gefangen in einem unheilvollen Kreislauf, aus dem es sehr schwer ist auszubrechen: weil wir ihn meist nicht erkennen. Und wo wenig Neues und Positives in Sicht ist, verharrte es sich wohl leichter im vertrauten Elend! Es gibt keine Angst ohne
Grund. Ausnahmen sind (hirn-) organische Veränderungen. Aber das sind, wie gesagt,
Ausnahmen. In der Regel hat die Angst einen Namen. Und genau hier setzt das Problem ein:
weil wir beim ersten Auftreten von Ängsten uns mit Ablenkung oder sogar chemischen
Mitteln gegenüber der Angst abschotten, die Angst also von uns trennen, gewinnt sie die
Macht über uns. Einfacher ausgedrückt: würden wir die Angst nach ihrem Namen fragen,
hätten wir den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, einen Schritt in Richtung
Freiheit; wir hätten den Kampf gegen die Ängste aufgenommen! Die Herausforderung annehmen, leben zu wollen, sich das Leben nehmen - nicht das Recht zu sterben! - das ist die einzige Möglichkeit aus diesem Kreislauf wirklich auszusteigen. Denn nur wer leben will, kann die lähmende Kraft der Angst überwinden und die positive Energie für sich nutzen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie überquerten eine Straße, und plötzlich schießt ein Wagen auf Sie zu: bleiben Sie gelähmt, von Furcht gelähmt stehen, dann bringt diese Furcht Sie um; zwar ist das Auto das Werkzeug, aber Ihre eigene Angst ist der Täter! Und gleichzeitig ist diese Angst lebenswichtig, denn Sie rät Ihnen zu fliehen! Darum behaupte ich: Angst muss nicht sein, zumindest nicht in ihrer destruktiven Abart, die die Lebenslust lähmt. Ich behaupte, dass fast jeder lernen kann, seine individuellen, falschen Ängste, oft auch als »freiflottierende Ängste« bezeichnet, aufzugeben und nur noch die lebenswichtige Angst in echten Gefahrensituationen zuzulassen. Die einzige Bedingung: Sie müssen Ihre als falsch erkannten Einstellungen ändern wollen! |
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© Frank M. Finke |
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