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Als Sie aufhörten zu weinen, da hatten Sie es geschafft. Da hatten Sie die unerträglichen Bilder und Gefühle Ihrer Kindheit in sich niedergedrückt und eingekapselt bis zur Unendlichkeit.

Von nun an waren Sie »normal«!



   »Es gibt kein Leben ohne Angst, aber ein Leben ohne Furcht!« - das ist für Sie, wenn Sie Angst als eine große Belastung empfinden, vielleicht eine provozierende Aussage. Doch sehen Sie sich diesen Satz noch einmal näher an und lassen Sie ihn ganz langsam an sich vorüberziehen. Sie werden sich nun vielleicht fragen, ob das nicht Haarspalterei ist, Angst und Furcht ist doch schließlich das gleiche. Vielleicht haben Sie sogar recht. Aber ich möchte Ihnen aufzeigen, wie wichtig es ist, sich darüber ernsthaft Gedanken zu machen - wenn Sie frei werden wollen! Denn wenn wir die Angst einmal ohne Angst betrachten, dann können wir erkennen, dass sie einen doppelten Aspekt hat: einerseits mobilisiert sie in uns ungeahnte Kräfte, auf der anderen Seite aber kann sie uns lähmen. Angst ist eine unwillkürliche Reaktion auf Bedrohung, auf Verlassenheit; sie ist ein Affekt, der uns beunruhigt, der uns aber auch warnt. Angst begleitet, verfolgt, quält, aber hilft auch in jedem Moment. Sie ist nicht nur unvermeidlich, sie ist auch unerlässlich. Ohne sie wären wir nicht lebensfähig. Wir hätten kein Gespür für Gefahren, wären ihnen arg- und wehrlos ausgeliefert. Sie ist Teil unseres Wirklichkeitssinns. Sie kann ein schlechter, aber sie wird eben so oft ein guter, ein notwendiger Ratgeber sein, eine Sicherheitsvorkehrung. Sie zwingt uns aber auf jeden Fall immer in die Entscheidung; denn sowohl Lähmung oder Flucht auf der einen, als auch auf der anderen Seite die Auseinandersetzung, der Kampf, sind Entscheidungen!

   Schon seit Menschengedenken wirft eine verborgene Furcht weit ihre Schatten: die Angst, von anderen Menschen, dem eigenen Gewissen oder sogar von Gott selbst gerichtet und verurteilt zu werden; sie dämpft die unbeschwerte Lebensfreude unzähliger Menschen. Somit ist Angst ein Thema, das zu allen Zeiten aktuell war. Jeder Mensch kennt, jeder Mensch hat sie. Denn ohne sie würde es kaum gelingen, auch nur die Straße zu überqueren. Aber es war und ist verpönt, darüber zu reden; Angst ist ein großes Tabu. Und trotz Fortschritt und Aufklärung ist sie noch immer - oder schon wieder! - verboten. Also wird jegliche Angst hinter einer mehr oder weniger gut funktionierenden Maske verborgen - man schämt sich ihrer. Wir gaukeln uns und unseren Mitmenschen vor, dass wir alles im Griff haben. Allerdings bekommt man schon bald den Eindruck, dass es sich in der Regel um eine Fassade handelt, deren Pflege viel Kraft verbraucht, um die Unvollkommenheit dahinter zu verstecken. Und bei näherem Hinsehen kann man rasch erkennen, dass wir nicht nur nichts im Griff haben, sondern dass vielmehr wir im Würge-Griff der Angst sind, uns »die Angst im Nacken sitzt«! Reicht aber die Kraft für diese Schutzwand aus Schweigen und Scham nicht mehr aus, greifen wir zu angstlösenden Mitteln, zu Beruhigungsmitteln.
   Doch damit löscht man die Angst nicht aus, man senkt sie nur auf ein scheinbar erträgliches Maß. Aber ganz unterdrücken lässt sich die Angst nie, denn sie war und ist stärker als alle Beruhigungsmittel. Und ihre wirkliche Macht über den Menschen konnte sie nur entfalten, weil sie tabuisiert war, weil man nicht offen darüber sprechen durfte. Denn reden befreit! Und vor allem stellte man die Bedeutung von Angst auf den Kopf. Aus der natürlichen Möglichkeit, Gefahren zu erkennen und zu bewältigen, wurde fast schon eine Krankheit, denn der angstfreie Mensch (den es nicht gibt!) wird ja als seelisch Gesunder bezeichnet - eine Fiktion wird hier zum Ideal erhöht! K

   Angst aber ist in der Regel keine Krankheit - zumindest so lange sie nicht durch organische (d.h. auf anatomische Veränderungen im Organismus beruhende) bzw. funktionelle (d.h. infolge der Funktionsstörung eines Organs) auftretende Veränderungen ausgelöst wird. Sie gehört zu unserem Leben, weil sie mit körperlichen, seelischen oder sozialen Entwicklungsschritten zusammenhängt. Immer bedeutet ein solcher Schritt eine Grenzüberschreitung und fordert von uns, von etwas Gewohntem, Vertrauten uns zu lösen und in Neues, Unbekanntes uns zu wagen. In einem langen Entwicklungsprozess haben wir gelernt, die simple Regelmäßigkeit der Ordnungen in unserer vertrauten Welt zu schätzen. Und nun muss umgelernt, oder besser noch, dazugelernt werden: Turbulenzen, Unregelmäßigkeit und Unvorhersagbarkeit sind überall, nämlich die natürliche Dynamik des Lebens. Das Annehmen und Meistern der Angst, all diese Turbulenzen und »chaotischen Gefühle« bewusst zu erleben, anzunehmen, zu transformieren und konstruktiv zu nutzen, bedeutet einen Entwicklungsschritt. Die Verweigerung, das Ausweichen vor ihr lässt uns hingegen stehen bleiben; es hemmt unsere Entwicklung - und führt zu Ängsten. Unser Bewusstsein widersteht also von Natur aus allem Neuen, Unbekannten. Bei primitiven Völkern besteht etwas, das die Anthropologen als »Misoneismus« bezeichnen, eine tiefe, abergläubische Furcht vor allem Neuen. Doch der sogenannte zivilisierte Mensch reagiert auf ganz ähnliche Weise, indem er psychische Barrieren errichtet, um sich vor dem Schock des Neuen zu schützen.

   Angst lässt sich selten mit vernünftigen Argumenten beseitigen; sie hat viele Ursachen. Sicher ist, dass viele Menschen überfordert sind mit der Vielfalt von Informationen, die auf sie einströmt, mit dem Verfall vieler Normen, mit der raschen technischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Unsicherheit und Angst machen sich breit, die Angst vor der Erschütterung des althergebrachten, ehrwürdigen Denkens. Alle scheinen versagt zu haben: die Religion, die Politik, die Familie: alle großen Modelle sind gescheitert. In den späten 60er und den 70er Jahren erlebten wir einen so radikalen Umbruch der Werte, dass die Ausläufer dieser gewaltigen Springflut auch heute noch nicht verebbt sind. Die alten Rollenmuster gelten nicht mehr, nur wenige neue sind an ihre Stelle getreten. »Konservative Werte« wie Disziplin, Gehorsam, Treue, Unterordnung, Anpassungsbereitschaft, Fügsamkeit verloren ihre Bedeutung; doch wurden sie nicht durch qualitativ gleichwertige oder gar bessere ersetzt. Vielmehr wurden diese »Gemeinschaftswerte« pervertiert und auf den Kopf gestellt, und heraus kamen »Selbstentfaltungswerte« wie Emanzipation, Individualismus oder sogar Hedonismus. Aber: Es geht nicht mehr um ein neues System, eine neue Ideologie oder eine neue Wahrheit. Es geht ganz einfach um das Glück, um das Recht, sich das Leben zu nehmen - wohlgemerkt: das Recht zu leben nehmen, nicht zu sterben!
   Und doch sind es in der Regel nicht diese Realängste, die uns »Angst machen«. Diese vordergründigen Ängste liefern uns eher den Vorwand dafür, uns nicht um unsere ganz persönlichen Ängste kümmern zu müssen. Die Anderen - die Kultur, die Gesellschaft, der Partner -: es gibt immer Gründe, dem wichtigsten Schritt im Leben aus dem Weg zu gehen: der Begegnung mit dem eigenen Ich. Denn neben diesen allgemeinen Ängsten gibt es noch eine Fülle individueller Ängste. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass es genau so viele individuelle Ängste gibt wie Menschen. Ganz gleich aber, von welcher persönlichen Angst Sie betroffen sind: es gibt eine Ursache! Und, was die Suche vereinfacht, so vielfältig das Erscheinungsbild der Angst bei den verschiedenen Menschen auch ist - es gibt praktisch nichts, vor dem man nicht Angst haben kann -, geht es bei genauerem Hinsehen doch immer um die Varianten, die individuellen Nuancen ganz bestimmter Ängste. Das aber heißt nichts anderes, dass Sie selbst Teil des Problems sind - und damit auch Teil der Lösung!

   Warum aber liegt eine so große Furcht in unseren Herzen, die uns davon abhält, die Augen zu öffnen und den individuellen Geist in uns zu erwecken, um uns der Wahrheit zu stellen? Haben wir Angst vor der Einsicht, dass die Wahrheit unsere kostbaren Ideale, unser sorgfältig zusammengeklaubtes Weltbild erschüttern und mit eiserner Faust hinwegfegen könnte?
   Haben wir Angst vor der Freiheit?
   Der Leere?
   Die Antwort auf diese Frage ist so schwerwiegend einfach wie auch konsequent schwerwiegend: Ja! Angst ist vielfach nichts weiter als die Folge unserer ganz persönlichen unbewussten Entscheidung, den Reifungsprozess zu verweigern; sie ist eine Folge unseres Fehlverhaltens. Der innere Drang nach Veränderung wird meist unterdrückt, weil wir Zerstörung fürchten und Angst haben vor Vernichtung, der Vernichtung unserer geliebten Träume und Illusionen, weil wir mit dem Verlust der Ängste auch den Verlust unserer vielen Lebenslügen hinnehmen müssten! Was wir nicht sehen wollen ist, dass viele unserer Träume zwar schön aussehen und bequem erscheinen mögen, dass aber die Flucht in ein solches Luftschloss nicht realistisch, sondern weltfremd und lebensfeindlich ist. Mieten für Luftschlösser sind auf Dauer auch sehr teuer, sogar unbezahlbar; in der Regel kosten sie nämlich das Leben! Und nur allzu häufig benutzen wir »unsere Krankheit« als Schutzschild, hinter dem wir geschickt diese Weigerung - eine »erstarrte Ordnung« oder ein »ungesteuertes Chaos« zugunsten eines dynamischen Gleichgewichts aufzugeben - vor uns und unseren Mitmenschen verstecken. Sich selbst zu behindern erzielt trotz aller Nachteile nämlich auch noch diesen beträchtlichen psychologischen Gewinn: Wer sein Gesicht um jeden Preis wahren will, fügt sich selbst eine wohlkalkulierte Behinderung zu, um so aller wirklichen Kritik zuvorzukommen. Denn mit dem Verweis auf das »Handicap der Angst«, wie es ein Klient formulierte, lassen sich Fragen nach persönlicher Kompetenz, nach Verantwortung abschmettern, die Ursachen für ein Versagen oder Hilflosigkeit liegen nicht mehr in der Person. Scheinbar instinktiv scheuen wir die »Last des Erfolgs«, die eine Weiterentwicklung der eigenen Identität mit sich bringt. Wir wissen ja, dass wir nach erfolgreicher Entwicklung erhöhten Ansprüchen und möglicherweise auch stärkerer Kritik ausgesetzt sind. Also verharren wir lieber in einem objektiv unbefriedigenden Status, als uns positiv weiterzuentwickeln. Wenn wir nämlich aus der Masse herausragen, sind wir - im wahrsten Sinne des Wortes - ein hervorragendes Ziel für alle möglichen Angreifer. Um genau diese Konfrontation zu vermeiden, verharren wir nur zu oft ängstlich und unzufrieden in unserem wohlvertrauten Elend. Ja, selbst einen Lustgewinn kann diese »Krankheit« erbringen, denn vielfach stehen wir nun wieder im Mittelpunkt der allgemeinen Interessen, aber eben geschützt durch das Handicap!

   Eine der Lebens-Lügen, an der wir genüsslich-selbstquälerisch festhalten, wenn nicht sogar die beliebteste, ist der Traum von der »glücklichen Kindheit, in der ich alles hatte«. Manchmal geben Menschen vor, jene zu lieben, vor denen sie Angst haben, und sie glauben auch fest daran; aber solche Liebe beruht gewöhnlich auf Verdrängung der darunter liegenden Gefühle von Furcht und Hass. Viele Klienten behaupten am Anfang der Beratung, sie lieben ihre Eltern. Wenn sie dann allmählich erkennen, wie sehr sie sich vor Vater oder Mutter gefürchtet haben, löst sich diese Empfindung auf und verwandelt sich in realen Zorn. Denn nur allzu oft, wenn nicht sogar immer, ist der Grundstein für diese ganz persönlichen tiefliegenden Ängste weit zurück in den ersten Jahren der Kindheit gelegt worden. Und es zeigt sich immer wieder, dass die unbekannten bzw. unerkannten Verletzungen und die üblichen Kränkungen in der Kindheit uns unfähig machen, auf die große Herausforderung einzugehen: erwachsen werden. Doch wer diese Fehlersuche überspringt, läuft Gefahr, weitere Irrtümer zu produzieren, sich in weiteren Ängsten zu verstricken! Ein kleines Beispiel: wenn Sie in Ihrer Kindheit immer gehört haben: "Du sollst nicht... Du kannst nicht... Du darfst nicht... das ist verboten... das tut man nicht", dann können Sie davon ausgehen, dass es häufig diese Verbote sind, die Sie bis zum Erwachen davon abhalten, Sie selbst zu sein! Und dazu noch die spätere Verstärkung durch die Devise unserer Leistungsgesellschaft, die diese Ge- und Verbote unterstützt: sich nicht unterkriegen lassen... keine Schwächen zeigen... so tun, als ob...; alle diese Verbote aber enthalten die versteckte Botschaft: sei nicht bzw. sei nicht Du selbst! So wachsen Sie auf mit dem (unbewussten) Wunsch, den Eltern alles recht machen zu wollen, Sie handeln, sprechen, reagieren, fühlen und denken so, wie es Ihrem Empfinden nach die Eltern getan hätten. Und nun beschließen Sie eines Tages, etwas in Ihrem Leben zu verändern, etwas, was diesen inneren Regeln widerspricht. Aber das wissen Sie natürlich nicht, denn wer denkt schon über diese Zusammenhänge nach. Und dann passiert es: wie aus heiterem Himmel taucht die Angst auf, scheinbar grundlos; denn das in Ihnen verankerte Gesetz kennen Sie ja nicht.
   Was da wirkt, ist die Macht verborgener Schuldgefühle. Sie ist m.E. nach so groß, dass ich diese »unbewussten Schuldgefühle« als Schlüssel zu den häufigsten seelischen Problemen sehe. Bewusst sind meist nur die Auswirkungen: Erfolg, persönliche Entwicklung und befriedigende Beziehungen werden sabotiert. Die »mildere Form« besteht darin, ständig etwas zu vergessen, zu verlieren oder zu verderben; schließlich wird es zunehmend schwer bis unmöglich, sich zu entspannen und das Leben zu genießen - spätere Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Arbeitsunfähigkeit, Panikzustände und Depressionen können die Folge sein. Die (neurotische) Entwicklung kann harmlos beginnen: mit dem vertrauten Gefühl vielleicht, sich selbst im Weg zu stehen.
   Der eigentliche Weg zu den verborgenen Schuldgefühlen allerdings führt weit zurück: bis zur kindlichen Überzeugung, dass es an dem, was ihm passiert, selbst schuld sei: "Im kindlichen Weltverständnis bedeutet es, dass man ein schlechter Mensch ist, wenn man eine schlechte Behandlung erfährt." Wird ein Kind unnachsichtig behandelt, entwickelt es das fatale Gefühl, keine Nachsicht zu verdienen, weder Aufmerksamkeit noch Entgegenkommen wert zu sein. Dieses Gefühl wird von vielen Eltern gefördert - oft sogar gefordert -, erweist es sich doch als bequemes »Erziehungsmittel«. Eltern senden neben den vielen offenen negativen Zuschreibungen noch subtil vernichtende Botschaften aus, etwa hässlich, dumm oder unfähig zu sein. Für unerwünschte Kinder wird ihr bloßes Dasein zur Schuld.
   So zählt beispielsweise zu den vermeintlichen Verbrechen, für die man sich als Erwachsener später bestraft, jemanden in der Familie belastet, ihn der Liebe oder Aufmerksamkeit eines anderen beraubt, ihn verlassen oder enttäuscht zu haben. Es reicht aber auch schon, der Familie zu aktiv, zu neugierig oder unabhängig gewesen zu sein. Oder einfach nur anders als erwartet: wenn Eltern sich an ihr Kind klammern, wird der Wunsch nach Unabhängigkeit zum Verbrechen; vertragen Eltern Nähe schlecht, wird der Wunsch danach zum Verbrechen; wollen sie Probleme nicht wahrhaben, werden diese zu einer unfairen Zumutung, für die man sich schuldig fühlt: Die perfekte Familie und das undankbare, rücksichtslose Kind.

   Wohlgemerkt: dies ist nur ein Beispiel, wenn es auch oft den Tatsachen entspricht. Und es geht hier nicht darum, den Eltern Schuld zuzuweisen; denn die steckten in der Regel ja in dem gleichen Dilemma. Auch ist es müßig, die Gesellschaft zur Verantwortung ziehen zu wollen. Vielmehr sollte man doch von einem erwachsenen Menschen erwarten können, dass er die Verantwortung für sein Leben selbst übernimmt. Schuldzuweisungen hingegen sind ein Zeichen von Unreife. Und jeder entwickelt eigene Mechanismen, biographischen Ballast zu tragen. Leisten wird oft ein Synonym für leben, und all das, um dem Vater, der Mutter zu beweisen, wozu man fähig ist - oftmals über das Grab hinaus! Es ist eine Sehnsucht, die wie eine Wunde brennt, die nicht mehr heilen kann: der Wunsch nach Anerkennung durch das elterliche Vorbild. Da ist eine Traurigkeit, die uns blitzschnell überfällt. Wir ertragen sie nicht, agieren sie aus oder lassen uns in eine Depression fallen. Und wie oft halten wir inne nach einer vollbrachten Leistung und fragen in uns hinein: "Ist das genug, Vater? Gefalle ich Dir so, Mutter? Seid Ihr nun stolz auf Euer Kind?"
   Angstzustände sind also oft die Folgen von Ursachen, die weit zurückliegen. Unsere Seele indessen führt uns immer wieder in eine ähnliche Situation, denn wir sollen lernen, frei zu werden, frei von alten Verletzungen. Weil jedoch Angst so unangenehm, so schmerzlich, so bedrückend, so lähmend ist, weil sie uns durch und durch verunsichern und in die Ausweglosigkeit treiben kann, erfinden wir unermüdlich Methoden und Techniken der Zurückweisung und der Vermeidung. Und statt auf die Stimme in unserem Innern zu hören bekämpfen wir sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln: Konsum, Drogen und tausenderlei anderer Ablenkungen. Wir drücken sie damit auf ein Niveau, auf dem wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen. Sie verschwindet jedoch nicht, wenn sie nicht eingestanden wird. Angst, die wir uns verbieten, wirkt unterschwellig und unberechenbar fort.

   Und damit hat sie ihr Ziel erreicht:

Angst will uns lähmen, am Leben hindern!


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   Doch gleichzeitig ist Angst ja ein Zeichen von Leben, ein Zeichen der Dynamik des Lebens. Leben macht sich bemerkbar, sucht Veränderung. Angst tritt immer dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Doch statt uns der Anforderung des Lebens zu stellen, lassen wir uns von der Angst lähmen, und diese Lähmung kommt dem menschlichen Bedürfnis nach Ruhe sehr entgegen. Von Natur aus ist der Mensch, ist die Menschheit ja eine träge Masse, die darauf bedacht ist, diesen Zustand der Ruhe für immer zu erhalten. So geht der allergrößte Teil der täglichen Aktivitäten dafür drauf, das Seiende, den Ist-Zustand zu erhalten und zu bewahren. Das ist so, wir müssen es akzeptieren, es zur Basis für weitergehende Gedanken machen - um uns dann zu erheben, die Trägheitsgesetze außer Kraft zu setzen und uns z.B. fragen: "Wie bringe ich mich trotz der angeborenen Trägheit zum Handeln", wenn wir uns befreien wollen! Leben nämlich ist dynamisch, statisch ist der Tod! Denn ein anderer wird das nicht für uns tun; er kann es gar nicht! Und dann kommt die nächste wichtige Frage: warum? Es muss also ein Anreiz vorliegen. Und hier setzt die große Lähmung ein: was soll ich ändern und was bringt mir das? Und schon steigt Unsicherheit in uns auf bei diesen Fragen, produziert Versagens- und Verlustängste; wir sind gefangen in einem unheilvollen Kreislauf, aus dem es sehr schwer ist auszubrechen: weil wir ihn meist nicht erkennen. Und wo wenig Neues und Positives in Sicht ist, verharrte es sich wohl leichter im vertrauten Elend!

   Es gibt keine Angst ohne Grund. Ausnahmen sind (hirn-) organische Veränderungen. Aber das sind, wie gesagt, Ausnahmen. In der Regel hat die Angst einen Namen. Und genau hier setzt das Problem ein: weil wir beim ersten Auftreten von Ängsten uns mit Ablenkung oder sogar chemischen Mitteln gegenüber der Angst abschotten, die Angst also von uns trennen, gewinnt sie die Macht über uns. Einfacher ausgedrückt: würden wir die Angst nach ihrem Namen fragen, hätten wir den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, einen Schritt in Richtung Freiheit; wir hätten den Kampf gegen die Ängste aufgenommen!
   Angst muss Sinn bekommen, und der könnte darin bestehen, dass sie unser Interesse und unsere Phantasie für Alternativen weckt. Wir müssen die Signale, die Angst uns zukommen lässt, beachten und sie richtig einschätzen lernen. Sie vermittelt eine Nachricht, damit wir uns nach ihr richten. Jeder sollte sie für sich beobachten, geradezu belauschen, um zu ermitteln, wo sie uns schadet und wo sie uns zugute kommt. Mit verdrängter Angst bleiben wir nämlich auf dem Weg, vor dem wir erschrecken, von dem wir uns aber trennen müssten. Der Rückgang der behindernden, der entstellenden Angst ermöglicht erst die ungestörte Wahrnehmung der berechtigten, der gesunden, der aktivierenden Angst: einer Angst, welche die Augen öffnet und nicht vor dem Wissen in das Nichtwissenwollen flieht. Es bleibt die Hoffnung auf Erkenntnis der ihr innewohnenden enormen Energie: auf einen Umschwung vom Wegsehen zum Hinschauen, von Infantilität zu Reife. Der natürliche Zweck der Angst ist nun einmal - der Schutz, die Rettung.
   Wer den unheilvollen Prozess der Angst nicht stoppen kann, weil er ihn nicht stoppen will, behindert sein Leben - körperlich, seelisch, geistig und im zwischenmenschlichen Bereich. Das ist die harte Wahrheit. Und dafür rächt sich auch die Natur. Denn der in seiner Entwicklung Gestörte, der Verweigerer, erlebt Ängste sowohl intensiver als auch häufiger. Im Normalfall aber kann sich der Erwachsene wehren, seine Situation durchdenken und die Angstauslöser erkennen; er kann vor allem verstehen lernen, woher seine Angst kommt. Er kann sie mitteilen und so Verständnis und Hilfe bekommen. Welch eine Befreiung, wenn wir es schaffen, unsere Hilfsbedürftigkeit zuzugeben!
   Erst wenn der Mensch die Entfaltung seiner Persönlichkeit erfahren hat, wenn andere Menschen ihm mit Achtung und Zuwendung begegnen - und zwar auf Grund seiner Persönlichkeit und nicht, weil er sich unterwirft oder Macht hat! -, ist er frei und dazu fähig, ebenso an anderen zu handeln und darüber hinaus selbstlos Verantwortung für andere Menschen mitzutragen. Ich meine hier mit Freiheit nicht die Freiheit des mündigen Bürgers, eines der vielen zynischen Klischees, mit denen seit Jahrhunderten gearbeitet wird, um den Menschen Freiheit vorzugaukeln - und sie in Abhängigkeit zu halten. Nein, Freiheit ist immer und ausschließlich die Freiheit des Einzelnen, nie die Freiheit der Masse. Wer behauptet, dem »mündigen Bürger« Freiheit geben zu können, der lügt, gleichgültig ob es sich um einen politischen, religiösen oder weltanschaulichen Führer handelt: er wird die Masse immer täuschen und belügen. Denn Freiheit ist ein individuelles Gut, ein Luxus-, kein Konsum-Artikel. Wer wirklich frei werden will, muss sich Freiheit nehmen!

   Die Herausforderung annehmen, leben zu wollen, sich das Leben nehmen - nicht das Recht zu sterben! - das ist die einzige Möglichkeit aus diesem Kreislauf wirklich auszusteigen. Denn nur wer leben will, kann die lähmende Kraft der Angst überwinden und die positive Energie für sich nutzen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie überquerten eine Straße, und plötzlich schießt ein Wagen auf Sie zu: bleiben Sie gelähmt, von Furcht gelähmt stehen, dann bringt diese Furcht Sie um; zwar ist das Auto das Werkzeug, aber Ihre eigene Angst ist der Täter! Und gleichzeitig ist diese Angst lebenswichtig, denn Sie rät Ihnen zu fliehen!

   Darum behaupte ich: Angst muss nicht sein, zumindest nicht in ihrer destruktiven Abart, die die Lebenslust lähmt. Ich behaupte, dass fast jeder lernen kann, seine individuellen, falschen Ängste, oft auch als »freiflottierende Ängste« bezeichnet, aufzugeben und nur noch die lebenswichtige Angst in echten Gefahrensituationen zuzulassen. Die einzige Bedingung:

Sie müssen Ihre als falsch erkannten Einstellungen ändern wollen!

© Frank M. Finke

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