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Angst ist ein lebenswichtiger Bestandteil unseres Lebens. Denn wenn wir die Angst einmal näher betrachten, dann können wir erkennen, dass sie einen doppelten Aspekt hat: einerseits mobilisiert sie in uns ungeahnte Kräfte, auf der anderen Seite aber kann sie uns lähmen. Sie zwingt uns aber auf jeden Fall immer in die Entscheidung; denn sowohl Lähmung oder Flucht auf der einen, als auch auf der anderen Seite die Auseinandersetzung, der Kampf, sind Entscheidungen! (Abb. 1) Auch der erste Kreis der Angst ist ein relativ normaler Zustand. Zumindest ist dies die Verfassung, in der sich die meisten Menschen am häufigsten befinden. Er beginnt damit, dass wir eine Konfrontation nicht auflösen und nur scheinbar die Flucht als endgültige Lösung akzeptieren und ergreifen. Denn in Wirklichkeit trennen wir dieses Problem nur von uns ab, es läuft quasi neben uns her, weil wir aus irgendwelchen Gründen - z.B. Scham, Stolz, natürlich Angst usw. - eine endgültige Flucht nicht akzeptieren können (Abb. 2). Bestimmte Probleme werden gleichsam in einer separaten Schublade aufbewahrt.
Nun haben wir natürlich die Möglichkeit, dieses Problem bei der nächsten Gelegenheit, wenn wir in eine vergleichbare Situation geraten, erneut anzugehen - und hoffentlich aufzulösen!
Sollte es aber wieder nicht gelingen, so beginnt sich dieses Problem als Bestandteil unseres Lebens neben uns zu manifestieren. Wo wir nämlich spezielle Problemstellungen vernachlässigen und daraus resultierende Ängste unterdrücken, da verschwinden diese spezifischen Energien mit unberechenbaren Folgen ins Unbewusste. Die psychische Energie, die auf diese Weise verlorengegangen zu sein scheint, kehrt in Wirklichkeit mit einer mitunter ungeheuren und destruktiven Kraft als Angst ins Bewusstsein zurück. Und da neben diesen unbewältigten Problemen immer wieder neue Anforderungen an uns gestellt werden, haben wir bald nicht mehr die Kraft, neben den neuen Problemen auch unseren alten Konflikt zu lösen. Und hier beginnt der Kreislauf gefährlich zu werden, denn der abgetrennte Konflikt hat sich vollends verselbständigt, er tritt nur noch selten in das Bewusstsein ein; er beginnt sein Eigenleben zu führen. Doch dieses Eigenleben bemerkt man anfänglich nicht. Ganz im Gegenteil: dadurch, dass man den Konflikt, statt ihn zu lösen, abgetrennt hat, fühlt man sich anfänglich sogar erleichtert; und man spürt diese Erleichterung fast euphorisch. STOP! Die Dynamik, die wir nun verspüren, ist nichts anderes als die Eigendynamik all dieser Verdrängungen, der Träume und Wünsche, die wir von uns abgespalten haben und die nun langsam, aber ganz sicher beginnen, uns zu überrumpeln. Wir werden einen gefährlichen Weg gegangen. Denn wir laufen schon lange nicht mehr, vielmehr werden wir getragen. Aber das sind keine guten Hände, sondern die höllischen Ausgeburten einer furchtsamen Seele. Höchste Alarmstufe! Denn unbewusst hat sich bereits der Gedanke festgesetzt: Probleme lassen sich lösen, indem man sie verdrängt oder einfach ignoriert. Zumal das Vergessen ja eigentlich auch ein ganz normaler Vorgang ist, bei dem gewisse bewusste Vorstellungen ihre spezifische Energie verlieren, weil wir unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken. Das ist unvermeidlich, da unser Bewusstsein nur wenige Bilder zugleich einigermaßen verarbeiten kann. Dennoch haben diese vergessenen Vorstellungen nicht aufgehört zu existieren. Wenn sie auch nicht beliebig abrufbar sind, so befinden sie sich doch unterhalb der Bewusstseinsschwelle, von wo aus sie jederzeit spontan, oft nach Jahren scheinbar völliger Vergessenheit, wieder heraufkommen können. Wir aber leben in dem Wahn, die verdrängten Ängste besiegt zu haben! Sie aber wirken weiter in uns, wie die Leibesfrucht einer Schwangeren. Und mit immer neuen verdrängten Ängsten nähren wir diese Frucht. Und so geschieht es, dass eines Tages, oft völlig unerwartet, dieser Panzer des Vergessens zerbricht. Und dann, nach Jahren, nach Jahrzehnten gebären wir dieses ungewollte Kind, Panik geheißen, ein Riesenmonster, ein Ungeist, das Produkt all der verdrängten Ängste und verzweifelten Gedanken. Und dann merken wir zu spät, dass unsere alten Konflikte weitergelebt haben, ja, dass sie sogar überaus aktiv waren. Und weil sie im Laufe der Zeit immer mehr Gesellschaft erhielten von anderen verdrängten Konflikten, wuchs dieser gesamte Komplex ständig - und nun entstehen die freiflottierenden Ängste. Denn wir kennen die wirklichen Ursachen dieses Komplexes von verselbständigten Problemen ja nicht mehr, und es erzeugen diese Masken der ungelösten Konflikte neue Ängste. So werden häufig Symptome mit Ursache verwechselt, sodass statt Angst nur ihre Wirkung, ihre Ausformung gesehen wird. Es treten zunehmend Irritationen auf, die schwer zu bestimmen sind, die aber auf verborgene Ängste zurückzuführen sind. Anders als bei der sogenannten Realangst, die mehr oder weniger in der Außenwelt begründet ist, können in unserem Inneren Phobien entstehen, und die sie auslösenden Umstände sind nicht selten unbedeutend. Überlässt man also das Unbewusste sich selbst, so droht die Gefahr, dass seine Inhalte übermächtig und früher oder später destruktiv werden. Es ist der Punkt erreicht, wo scheinbar kein Grund für Ängste vorliegt; aber eine unbestimmte Angst vor der Angst hat von uns Besitz ergriffen (Abb. 3). Die Möglichkeit, aus diesem zweiten Kreis der Angst ohne Hilfe auszusteigen, ist schon wesentlich geringer als noch in der ersten Phase.
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Währt nun dieser 2. Kreis der Angst für lange Zeit, so werden diese unbegründeten Ängste immer massiver, und es folgt dann häufig der Griff zu »Hilfsmitteln«, die aber alles andere als eine Hilfe sind. Denn sie dämpfen nur unser Bewusstsein und schalten damit eine lebenswichtige Kontrollfunktion aus. Und genau das ist ja auch die Absicht: die als unangenehm empfundene Selbst- Aufmerksamkeit, die die Angst erzwingt, wird durch ein Beruhigungsmittel oder einige Gläschen Alkohol verringert; diese Mittel versetzen uns in einen Zustand, in dem wir »uns selbst« vergessen können. Denn wir wollen ja gar nicht »bei uns« bleiben und mit unseren Problemen konfrontiert werden. Und so ist diese langfristig selbstzerstörerische Strategie im Grunde nichts anderes als eine weitere, aber schon sehr gefährliche Folge von kleinen Fluchten vor dem Leben. Die Drogen werden zu einem trügerischer Schutz vor Angst und Einsamkeit, denn sehr bald schon sind sie der Grund für Angst und Einsamkeit. Der Weg aus dieser Falle wird immer schwieriger, und die normalen Lösungsmöglichkeiten über die direkte Auseinandersetzung mit den Problemen werden zur Ausnahme (Abb. 4). |
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Da bei regelmäßigem Gebrauch von Drogen - und etwas anderes sind unsere Hilfsmittel nicht! - häufig eine Gewöhnung, eine Abhängigkeit oder - je nach verwendeter Droge - sogar eine Sucht entsteht, kommt zu den abgespaltenen Problemen und den täglichen Anforderungen des Lebens noch eine drogenspezifische Problematik hinzu. Spätestens jetzt befinden wir uns in einer Sackgasse (Abb. 5) - dem Teufelskreis der Angst: unser Bewusstsein wird ständig überlagert von einem der Kreise der Angst, wir springen ständig hin und her und sind gar nicht mehr fähig, wirklich am Leben teilzunehmen. Aus dieser Sackgasse gibt es nur noch ein Entkommen mit fremder Hilfe: indem man den ganzen langen Weg, der in die Sackgasse geführt hat, Schritt für Schritt und vollbewusst zurückgeht. |
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© Frank M. Finke |
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