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Ein Ereignis der besonderen Art erschütterte nicht nur einen Klienten zutiefst, sondern versetzte auch mich selbst in Erstaunen.

Während eines Therapiegesprächs fühlte sich der junge Mann mir gegenüber zutiefst provoziert von meiner Aussage, dass sich nichts an seinem Leben zum Besseren verändere, weil er es tief in sich gar nicht wolle.
     Wir hatten schon einige Gespräche geführt, und immer wieder tauchte eine Aussage auf: »Ich wollte das auch gar nicht, ich wollte nur meine Ruhe haben - eigentlich schon immer«, wobei sich das auf alles Mögliche bezog: Schule, Beruf, Partnerwahl und mehr. Ich sagte ihm, dass er sich mit aller Kraft an seine Opferrolle klammerte, weil er daraus Kraft bezöge. Sie hielte ihn nämlich gefangen in dem Glauben, dass er nichts ändern könne, weil bestimmte Ereignisse oder die stete Wiederholung negativer Aussagen sein Leben nachhaltig und irreversibel beeinflusst hätten. Dadurch habe er für sich die Rechtfertigung gefunden, dass er nun einmal so sei. Und damit könne er alle Schuld anderen zuweisen, sich zurücklehnen und seine Qualen genießen. Auch wenn das sicherlich eine große Belastung sei, fühle er sich darin dennoch wohl, weil er diesen Zustand kenne - und damit nähre er ständig das Gefühl, erhalte er ständig diesen unseligen Gedanken am Leben, das arme, bedauernswerte Opfer zu sein. Ja, es täte ihm geradezu gut, vor allem auch, weil er dadurch die Übernahme jeder Eigenverantwortung unterlassen dürfe - und damit wieder seine Ruhe hätte.
     Ich sah, wie es in ihm brodelte, wie seine Gesichtsfarbe wechselte, wie sich zuerst seine Hände, mit denen er bis dahin unruhig gespielt hatte, verkrampften und schließlich sein gesamter Körper. Auch spürte ich eine Art Hitzewelle von ihm ausgehen.
     Als ich kein weiteres Wort sagte, sprang er schließlich nach einigen Minuten der Stille auf, rannte auf den Zimmerausgang zu und verließ den Raum, ohne allerdings die Tür heftig hinter sich zuzuschlagen, sondern sie vielleicht etwas heftiger als gewöhnlich zu schließen.
     Ich hörte, wie er die Außentür, die meine Räume zum Flur hin abschloss, ungestüm aufriss - aber dann folgte unerwartet Totenstille.
     Ich blieb sitzen, lauschte nur auf irgendwelche Geräusche, die mir seinen endgültigen Fortgang signalisieren würden; doch es geschah nichts dergleichen, es blieb weiterhin still.

Nach einigen Minuten nahm ich an, dass er dennoch gegangen war, jedoch ohne die äußere Tür geschlossen zu haben, die auf den Flur führte; vielleicht hatte er es sich gerade noch verkneifen können, wenigstens die Tür außerhalb meiner Reich- und Sichtweite lautstark zuzuschlagen, was auf Grund seines in meiner Gegenwart mühevoll unterdrückten Ausbruchs eigentlich nahegelegen hätte. Zumindest wäre es für mich nicht völlig überraschend oder unerwartet geschehen; denn aus unseren Gesprächen, aus der Anamnese und seinen Tagebuchaufzeichnungen - die jeder meiner Klienten führen muss - wusste ich, dass er stark zu Aggressionen neigte, wenn er sie gewöhnlich auch nicht tatsächlich auslebte, höchstens in seinen Phantasien.
     Und in seinem Fall erinnerte ich mich besonders deutlich, weil er bisher als erster und einziger Klient im FPI-Test den Fragepunkt »Ein Hund, der nicht gehorcht, verdient Schläge« mit stimmt beantwortet hatte …
     Nun kann es immer mal ein Versehen dieser Art geben, eine Unkonzentriertheit; und natürlich weiß ich, dass den Antworten eines Tests darüber hinaus nicht zu viel objektiver Wert beigemessen werden darf, da der Klient - ob er will oder nicht - die Selbstbeurteilung immer zugleich auch zur Selbstdarstellung nutzen wird. Leuchtete hier also das Bild des heimlich ersehnten Super-Markus auf, das sich hinter dem ängstlichen und konservativ eingestellten Mensch versteckte, dem »Hänfling von Mann, der immer den Wunsch hatte, eine Frau zu sein, weil es nicht schön ist, ein Mann zu sein; denn Frauen haben es besser im Leben …«, eines seiner Geheimnisse, das er mir vertrauensvoll offenbart hatte?! Und dennoch musste ich feststellen, dass es mir nicht gelang, diesen Gedanken zur Verdrängung, diese Möglichkeiten zu meiner Beruhigung zu nutzen: schließlich hatte er auch die Frage »Es macht mir offen gestanden manchmal Spaß, andere zu quälen« mit stimmt beantwortet. Und darauf angesprochen, antwortete er: »Ich habe Aggressionen und bin mir dessen auch bewusst … «.
     »Das ist mir klar, denn das geht jedem so. Aber warum macht es Ihnen Spaß
     »Das weiß ich auch nicht mehr, wie ich das gemeint habe. Gedanklich kann ich mir vorstellen, jemanden zu quälen, aber nur, wenn ich jemanden finde, dem ich überlegen bin und ich könnte ihn nicht leiden. Dann würd 's mir sogar Spaß machen … ich würde irgendwas Überhebliches machen … «
     Und dann folgte die erbauliche Einlassung: »Ich glaube, ich könnte auch Menschen schlagen. Wenn jemand den Rubikon überschreitet, denke ich, wäre ich auch bereit zu töten. Ich glaube, ich würde es wirklich machen. Ich verliere die Kontrolle, wenn die Reizung zu groß ist. Aber es ist noch nie passiert.«
     Er lachte, aber es war kein ansteckendes Lachen, und ich bin mir sicher, dass es aus Verlegenheit geschah - in diesem Augenblick hoffte ich es jedenfalls von ganzem Herzen.
     »Aber ich weiß: alles, was ich reingefressen habe, kommt dann raus. Und wenn man dann alles rauslässt, was man einstecken musste, ist das höllisch viel.«
     »Sie machen doch diesen Kampfsport?!«
     »Selbstverteidigung ist das, kein Kampfsport. Aber … klar, wenn ich das richtig anwende, kann ich den Gegner fertigmachen; aber beim Aikido lernen Sie nicht Gewalt, sondern den Gegner zu beherrschen.«
     »Warum wollen Sie jemanden beherrschen?«
     Die Antwort kam spontan, sehr spontan; ja, so spontan, wie es sonst eher selten bei ihm vorkam.
     »Macht ausüben … Macht ausüben … «
     Er beugte sich leicht vor, legte sein Kinn in die verschränkten Hände und sah mich starr an - dazu lächelte er, wie es in solch unpassenden Augenblicken seine Art war.
     »Aber das ist die denkbar schlechteste Art, Macht auszuüben. Manchmal denke ich, es ist wirklich absurd, was ich da anstrebe. Das beziehe ich jetzt rein auf die Gewalttätigkeit … wenn ich Macht ausübe, habe ich das Gefühl, etwas zu sein; eben der Super-Markus … «
     Er lehnte sich wieder zurück und hing etwas verträumt seinen Gedanken nach.
     Da er schwieg, riet ich ihm, sich vorsichtshalber niemals eine Waffe zu kaufen; worauf er zu meiner Verblüffung - leider auch der Bestätigung, dass ich nicht weit neben das Ziel getroffen hatte - wieder lachend antwortete: »Und ich überlege, ob ich in den Schützenverein gehe. Um schießen zu lernen. Diese Wut, jemanden umzubringen oder überhaupt Menschen umzubringen, die habe ich schon oft gehabt. Früher wollte ich die halbe Welt vergasen und umbringen, damit nur noch die guten Menschen da sind … «; wieder unterbrach er den Satz, um zu lachen.
     »Das ist alles nicht so aktuell, aber es ist noch in mir drinnen … «

Gerade als ich mich erheben wollte, um die Außentür zu schließen, hörte ich ein Stöhnen oder Schnaufen - und dass sie bereits leise geschlossen wurde.
     Also blieb ich vorerst auf meinem Platz und versuchte, ruhig zu bleiben. Denn ich muss zugeben, dass ich erschrocken war und mein Herz heftiger schlug als zuvor; schließlich musste ich auf Grund der Geräusche ja damit rechnen, dass Herr S. sich noch immer innerhalb des Vorraums befand. 
     Und wenn dem tatsächlich so war: was würde er tun? Die Milchglasscheibe der Praxistür zertrümmern? Mich vielleicht gar angreifen, weil er, überschwemmt vom Zorn, die Kontrolle über seine Aggressionen verloren hatte?!
     Schließlich war er so energiegeladen, als er fluchtartig den Raum verlassen hatte, dass alles Mögliche hätte geschehen können. So rechnete ich eben auch mit einem Angriff: hässlich bis scheußlich, wenn er nur der verbalen, desaströs gefährlich und folgenschwer, wenn er der physischen Art war; so oder so - drastisch auf jeden Fall.
     Ich will nicht sagen, dass ich Ersteres unbedingt gewohnt war im Sinne eines alltäglichen Ereignisses; aber dennoch kam es vor, dass Klienten gelegentlich explodierten, bevor sie in sich gingen, bevor ich jene Veränderung in ihren Augen sehen konnte, auf die meist Tränen folgten oder ein tiefsinniges, befreites Lächeln - und manchmal gar beides. Und das war in der Regel der Augenblick des Durchbruchs, der Erkenntnis: von diesem Augenblick an begann der Klient wirklich und - auch für Außenstehende - sichtbar an sich zu arbeiten; meist vergingen von dem Moment an drei Monate, bis der Klienten dann auf eigenen Wunsch die Therapie beendete, weil er sich nun stark genug und bereit fühlte, sein Leben zu leben.
     Hier und jetzt aber befürchtete ich fast schon einen physischen Übergriff, was auch gelegentlich vorkam; allerdings war die äußerste Tat bisher eine Ohrfeige gewesen oder ein Schlag auf die Nase, und Erfahrungen dieser speziellen Art kann ich an den Fingern einer Hand abzählen.

Ich starrte wie gebannt auf die Tür, als ich draußen Schritte hörte. Langsam, ganz langsam - vielleicht erschien es mir auch nur so - senkte sich die Klinke, als würde versucht werden, sie lautlos zu bewegen.
     Langsam, ganz langsam öffnete sich schließlich die Praxistür, Zentimeter um Zentimeter, und in dem sich vergrößernden Spalt nahm ich zuerst das Gesicht von Herrn S. wahr. Schließlich betrat er mit einem zutiefst verwirrten Gesichtsausdruck das Zimmer und sah mich ausdruckslos an. Dann drehte er sich genau so langsam mit seinem gesamten Körper wieder der Tür zu, hielt die Klinke mit beiden Händen und versuchte die Tür so sanft zu schließen, als fürchte er, das Holz würde unter seinen Fingern zerbrechen wie ein Schmetterlingsflügel.
     Schweiß stand ihm auf der aschfahlen Stirn, als er sich mir wieder zuwandte. Er zitterte am ganzen Körper, aber dieses Mal war die Ursache ganz offensichtlich nicht mehr jene temperamentvolle Erregung, mit der er den Raum verlassen hatte.
     Langsam, wie in Trance, ging er zurück zu seinem Platz auf der Polstergarnitur und setzte sich, wobei er mich die ganze Zeit über unentwegt ansah. Nein: eigentlich starrte er mit leeren Augen in meine Richtung, und seit er den Raum wieder betreten hatte war kein Wort über seine Lippen gekommen.
     Allmählich verebbte sein Zittern, und auch sein Blick, der mich bisher ausdruckslos fokussiert hatte, kehrte langsam aus weiter Ferne zurück in diese Gegenwart, bis er mich wieder wahrnahm.
     Noch immer sprach keiner von uns beiden ein Wort.

     Schließlich, nach einigen Minuten des Schweigens, fragte er - noch immer erregt, aber auf eine völlig andere Art und Weise -: »Möchten Sie wissen, was gerade geschehen ist?«
     »Wenn Sie mir das gern erzählen möchten … «, antwortete ich so ruhig wie möglich - was nicht immer ganz einfach ist in Augenblicken wie diesem.
     »Aber auch nur, wenn Sie es wirklich möchten.«
     Schließlich war ich schon froh, dass nichts ernsthaft Katastrophales geschehen war, und - um ganz ehrlich zu sein -: für den Augenblick schien mir das schon reichlich viel, um nicht zu sagen genug.
     Dennoch war ich natürlich gespannt zu hören, warum er nicht gegangen war; aber ich muss auch in einer solchen Situation versuchen, nicht mit meiner Erwartung(shaltung) - von der sich wohl ganz niemand freisprechen kann! - zu beeinflussen. Es geht ja um die Erlebniswelt des Klienten und nicht um meine - vielleicht sogar verständliche - Neugier; aber gerade nach diesem Ereignis sollte er sich nicht verpflichtet fühlen, etwas zu sagen.
     Und so trat auch zuerst wieder Stille ein.
     Ich hatte das Gefühl, dass er mit sich rang: nämlich ob er tatsächlich erzählen sollte, was geschehen war. Vor allem aber rang er wohl damit, die richtigen Worte zu finden; denn es war ja ganz offensichtlich etwas geschehen, das seinem sonstigen Leben verhältnismäßig fremd war, für das er also bisher noch nie hatte Worte finden müssen.

     »Zuerst habe ich gedacht: >Dieses Arschloch, was bildet der sich eigentlich ein!?! Am liebsten würde ich ihm eins in die Fresse haun, damit er selber spürt, wie das ist, wenn man angegriffen wird.< Aber dann dachte ich an mögliche Konsequenzen und ganz zum Schluss daran, dass Sie mich nicht bewusst verletzten wollten. Ich spürte ganz einfach, dass Sie recht hatten. Das alles spielte sich in Sekunden ab, und bevor ich mich wirklich entscheiden konnte, war mein Körper schon an der Zimmertür. Ja, mein Körper, denn es war keine bewusste Entscheidung; sonst hätte ich wohl schon diese Tür feste zugeschlagen - einfach nur, um meine Wut rauszulassen.
     Nun stand ich im Korridor: hinter mir die geschlossene Zimmertür, vor mir die noch geschlossene Praxistür.
     Hier wartete ich einige Sekunden, bevor ich diese öffnete - aber schon wesentlich vorsichtiger, nicht mit Schwung oder gar mit Gewalt des Zorns. Und als ich dann im Türrahmen stand - hinter mir die geschlossene Tür, hinter der Sie saßen, vor mir der leere, halbdunkle Flur -, da hielt ich für einen Moment inne. Nein, ich hatte nicht das Gefühl, dass ich es war, sondern etwas anderes, das mich darin hinderte, einfach zu gehen.
     Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich plötzlich … «.
     Hier stockte der Klient, als überlege er, als suche er nach den richtigen Worten; denn was er bisher gesagt hatte war ja durchaus nicht ungewöhnlich und er hatte es lebhaft erzählt. Dann aber war offensichtlich etwas geschehen, das für ihn so neu war, dass es ihm zuerst unaussprechlich schien - und für das er dennoch mühsam die richtigen Worte finden wollte. Aber der Versuch, das Unsagbare, das wohl soeben geschehen war, in Worte zu kleiden, um sein Erlebnis zu einer gemeinsamen Erfahrung mit mir zu machen, ließ ihn an Grenzen stoßen, weil jene Wirklichkeit sich unseren alten Sprachregelungen entzieht; die nicht in der Lage sind - mögen sie auch noch so dynamisch scheinen und einen noch so großen Wortschatz beinhalten! -, die webende und fließende Wirklichkeit zu beschreiben, an der gemessen die Lebendigkeit unserer Realität sich wie die Dynamik von Wanderdünen ausnimmt.
     »Ich weiß nicht, ob ich es Erscheinung nennen soll - das kommt mir etwas lächerlich vor … «.
     Er sah mich verlegen an, spielte nervös mit seinen Händen. Ich lächelte, und es lag darin nicht das kleinste Anzeichen von Geringschätzung, von Herabsetzung, nicht der geringste Hohn, keine Missachtung, sondern ermunternde Aufforderung, die stille Zustimmung, fortzufahren. Überrascht, weil er vermutlich eine verächtliche Reaktion erwartet hatte, schaute er dann verunsichert auf seine Finger, als ob ihn gerade mein stilles Wohlwollen - dieser unerwartete Anblick - so verwirrte, dass er davon abgehalten wurde, die richtigen Worte zu finden.
     Dann ruckte sein Kopf wieder nach oben und er sah mir in die Augen.
     »Vielleicht: Ereignis … ?!?«
     Erneut unterbrach er den Satz und überlegte wieder, weil er wohl noch immer nicht zufrieden mit seiner Wortwahl war. Auch hatte er diese Frage nicht ausschließlich nach innen gerichtet, nur halblaut sich selbst gestellt: es war offensichtlich, dass er sie auch an mich richtete; ein Zeichen, dass sein Vertrauen langsam wieder wuchs: in sich, in mich - und das trotz der ungewöhnlichen Situation, die ihm sicher ein Höchstmaß an Kraft abverlangte.
     Langsam beruhigte sich das Spiel seiner Finger, der Blick seiner Augen wurde wieder sicherer.
     »Nein!«, sagte er dann bestimmt, »ich will es Erscheinung nennen, wenngleich es mehr eine Ahnung war als ein klares Bild, wie ich es gewöhnlich wahrnehme. Und doch war es zugleich mehr als nur ein Gefühl von Farbe und Bewegung, denn da war etwas, eine Helligkeit, die sich ausbreitete. Es hatte keine konkrete Farbe, nicht bläulich, nicht rötlich - aber auch weiß wäre nicht korrekt; darum kann ich nur sagen, dass da eine Helligkeit war, und ich weiß nicht einmal, ob ich sie nur innerlich wahrnahm oder ob sie auch äußerlich war. Aber ich weiß noch, dass sie den halbdunklen Flur zu erhellen schien. Die Erscheinung hatte auch keine feste Gestalt, die ich ausmachen konnte, genauso wenig wie die Farbe; aber dennoch war da etwas … eine … eine verschwommene Kontur.
     Und ich hatte das Gefühl, als teile mir diese … Erscheinung … etwas mit. Sie hat nicht mit mir gesprochen, ich meine: ich habe nicht tatsächlich akustisch Worte vernommen … es war ganz anders. Es war ganz anders, als wenn wir miteinander reden: da gibt es eine klare Trennung zwischen Ihren Worten und meinen Worten. Hier aber konnte ich nicht unterscheiden, ob die Erscheinung mit mir sprach. Vielleicht kann ich das so sagen: es erschienen Worte in meinem Kopf. Ja, das trifft es am besten. Und es war viel, was ich hörte. Es war gerade so, als erzähle mir diese … Erscheinung … bestimmte Dinge aus meinem Leben. Ich kann das nicht genau differenzieren, denn es war mehr ein Erleben als ein gesprochenes Wort. Vielleicht so ähnlich, wie man von Sterbenden erzählt, an denen noch einmal das gesamte Leben vorüberzieht wie ein Film. Ja, so kann ich das beschreiben.
     Ich sah immer wieder Augenblicke, in denen ich stolz darauf war, etwas Vernünftiges gemacht zu haben, um dann in der nächsten Sequenz schon einsehen zu müssen, dass all diese tausend Kleinigkeiten, auf die ich stolz war, für die meisten anderen Menschen völlig banal waren, so alltäglich, dass sie diese Dinge taten, ohne groß darüber nachzudenken - und ich war stolz darauf!
     Und dann merkte ich, dass ich kein Ziel habe, dass ich auch nie ein konkretes Ziel hatte: früher wusste ich nur immer, was ich nicht wollte, dass ich nicht Karriere machen will - ich hatte ja auch gar nicht die Ellbogen. Aber etwas, was ich erreichen will, wo ich auf mich selber stolz sein kann, so was hatte ich nie … ich wollte eigentlich schon immer nur meine Ruhe haben, das wollte ich schon als Kind. Ich bin ich immer brav zuhause geblieben und habe für mich gespielt, hatte auch wenig Freunde … ich kann nicht sagen, dass ich unglücklich war, zumindest nicht bewusst … nach der Pubertät bin ich dann unruhiger geworden, da konnte ich mich nicht mehr mit den Dingen beschäftigen, die mich vorher interessiert haben. Ich konnte dann auch nicht mehr lange bei einer Beschäftigung bleiben. So nach einer Stunde war Schluss, dann war ich innerlich unruhig … «
     Er schwieg, holte tief Luft; denn all das war extrem schnell aus ihm herausgesprudelt.
     »Dann sah ich als nächstes … « - er blickte mich etwas verunsichert an -, » … ich habe das natürlich nicht wirklich gesehen, es war dieser innere Film … «
     Nun unterbrach ich, was ich meist in solchen Augenblicken nicht tat. Doch schien es mir wichtig, ihm zu sagen, dass ich ihn, sein Erlebnis grundsätzlich verstehe; denn ich hoffte, ihm dadurch Kraft zu geben, damit er sich während seiner Erzählung nicht ständig in einem inneren Dialog fragen musste, ob ich ihn oder das Geschehen überhaupt Ernst nahm.
     »Ich kenne das, Sie müssen mir das nicht näher erklären; ich weiß, dass einem dafür oft die richtigen Worte fehlen. Fahren Sie einfach fort.« 
     Ich lächelte und forderte ihn mit einer einladenden Handbewegung auf, das Erlebte zu erzählen.
     Dankbar nickte er. 
     »Nach der Pubertät, so mit 16, bin ich dann ins Jugendzentrum und habe Haschisch geraucht … ich sah mich auf Feten rumhängen, wo ich Anschluss gesucht habe; aber den hatte ich nicht, nirgends habe ich Anschluss gehabt … aber es war mir auch irgendwie egal, denn nach zwei, drei Valium und Bier, wenn ich dann zu war, war alles weniger problematisch … ich sah, dass ich halt auch irgendwas gesucht habe, ganz klar … ich hatte dann einen Horrortrip, wollte nach diesem Horrortrip nicht weitermachen … ich bin dann von der Drogenszene in die Punkerszene, eigentlich auch aus Frust. Ich war ja unzufrieden: mit mir, mit allem.
     Dann sah ich mich vor einem Spiegel: voller Hass betrachtete ich mein Gesicht voller Pickel … und habe auch noch damit zu kämpfen, weil ich so schlank bin. Das hat mir immer gestunken … früher hat mir das aber mehr zu schaffen gemacht. Heute berührt es mich nur, wenn Frauen sagen, sie wollen nicht so einen Hänfling als Mann haben. Das stinkt mir dann. Das habe ich mehrmals erlebt. Und so was sitzt dann schon tief …
     So habe ich mich in der Außenseiter-Szene rumgetrieben, ja, aber gleichzeitig auch in der High-Society - die Oberen Zehntausend, Leute, die Geld haben und stinken … ich war so ein Szenenspringer, es lief alles parallel … unter den Leuten auf dem Hünerberg, den Oberen Zehntausend, da sind ganz nette, die man als Menschen bezeichnen kann, und andere sind wirklich stockblöd …
     Dann vernahm ich ein höhnisches Lachen und irgendetwas - ich weiß nicht, ob es die selbe Erscheinung war, denn die Stimmung war jetzt ganz anders  - jedenfalls sagte mir irgendetwas, dass ich eigentlich nie wirklich in einer Gruppe oder Clique war … immer nur Mitläufer, nie Anführer. In allen Gruppen war ich nie einer, der den Ton angibt, sondern ich war einfach ein Mitläufer, einer, >der es gratis gekriegt hat< … eher so als Anhängsel: man hat mich mitgenommen …
     Dann sehe ich mich beim Tanzen im Caprice. Es gibt dort eine normale Tanzfläche und eine leicht erhöhte, und auf der erhöhten Fläche tanze ich. Und nicht schüchtern in der Ecke, sondern auch noch vorn … aber nur, wenn ich getrunken habe … wenn ich was getrunken hatte, dann war das nicht mehr so, dann war ich nicht mehr schüchtern, hatte keine Angst mehr … denn wenn mich jetzt jemand anspricht, dann habe ich das Zittern, bin wahrscheinlich überfordert, habe Angst … weil ich dieser Sache nicht gewachsen bin, also konkret einer Freundschaft. Und ich fürchte, dass die anderen ziemlich schnell merken, dass ich noch Kind bin …
     Mit 20 treffe ich dort Yvonne, meine erste große Liebe … hab sie erst angesprochen, nachdem ich was getrunken hatte … dann denke ich: heute habe ich grundsätzlich kein Problem mit Frauen, erst, wenn es um Nähe geht … «
     Wieder schwieg Herr S., und nun wirkte er auch erschöpft. Das lag sicher nicht daran, dass wir schon weit über die übliche Zeit hinausgegangen waren. Das, was sich vor einigen Minuten draußen vor der Praxistür in ihm abgespielt hatte, muss schon sehr viel Kraft gekostet haben. Und nun der Versuch, die wichtigsten Eindrücke zu wiederholen.
     Natürlich waren auch meine Kräfte ziemlich erschöpft; aber es gibt Augenblicke - und dieser war ganz klar einer von ihnen -, da muss man versuchen, auch die Reserven zu mobilisieren; denn das, was da in Gang gekommen war, durfte jetzt einfach nicht unterbrochen werden. Schon morgen, wenn Herr S. wieder bei Kräften sein würde, rational Abwehr bereit, hätten sich seine Gefühle, seine Erregung und Dynamik völlig verändert - und damit wäre vielleicht ein ganz wichtiger Teil wieder untergetaucht, der sich gerade gezeigt hatte. Es war einfach besser, nun auf Reserve weiter zu fahren als eine Rast einzulegen.
     Offensichtlich fühlte Herr S. sehr ähnlich, denn er sah nicht einmal auf die Uhr, was er unter ähnlichen Umständen häufig tat, wenn die Gespräche an seiner Kraft zerrten, weil sie ihm unangenehm wurden. Beispiele?
     »Nach der Trennung von Yvonne habe ich in der Schweiz geschafft, da ging 's mir gut, danach aber rapide bergab und ich wollte mir darüber klar werden, was ich eigentlich will: will ich einen Mann als Partner, will ich eine Frau als Partner, will ich keinen Partner und lieber für mich allein leben … und dann hörte ich wieder dieses höhnische Lachen und es kam mir, dass ich immer den Wunsch gehabt habe, eine Frau zu sein, dass es nicht schön ist, ein Mann zu sein. Ich habe es nicht grundsätzlich akzeptiert, dass ich ein Mann bin … letzte Woche war da der Gedanke: warum, was ist da in der Pubertät gewesen, dass ich gedacht habe, ich möchte eine Frau sein, dass es Frauen im Leben besser haben?«
     Der Gesichtsausdruck zeigte deutlich eine Mischung aus Trauer und Qual als Ergebnis dieser grundlegenden Unsicherheit, die tief in ihm steckte. Und ich konnte mir gut vorstellen, wie ungeheuer schwer es sein musste, solch eine fundamentale Entscheidung bewusst treffen zu müssen, die von den meisten Menschen fast schon automatisch getroffen wurde; was nicht heißen muss, dass ihre Entscheidung richtig oder falsch ist - es spiegelt nur ihre gelungene Anpassung, ihre >soziale Integration< wider, weil sie die Spielregeln eines bestimmten Systems beherzigen.
     »Manchmal fühle ich halt, dass ich altersmäßig 17 bin, manchmal nicht … es überwiegt das Gefühl, dass ich noch so jung bin … nur manchmal bin ich 33 … das ist nichts Neues für mich, aber ich fühle mich nicht unbedingt gut, ich sollte noch um mindestens 10 Jahre reifen.«
     Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Es war nicht wegen möglicher Scham, sondern weil die letzten Sätze ihn beinahe mehr Kraft gekostet hatten als die gesamte Erzählung bis hierher. 
     Auch wenn mir diese seiner Gedanken absolut nicht neu waren - so intensiv hatte er sie noch nie geschildert, so drastisch und plastisch, dass sie beinahe vor meinen Augen als Bilder auftauchten.
     Herr S. seufzte.
     »Das also ist vor einigen Minuten dort draußen vor Ihrer Tür geschehen. Eigentlich hatte ich fortrennen wollen, doch in dem Augenblick, als ich die Außentür öffnete und in den halbdunklen Flur starrte, da spulte dieser Film in mir ab.«

     Herr S. schwieg, sah mich verunsichert an; offensichtlich fühlte er sich sehr unwohl in seiner Haut.
     »Ich finde das ganz toll, was Sie da erlebt haben.«
     Meine eher positive Aussage verwirrte ihn deutlich noch mehr. Vermutlich hatte er alles Mögliche an negativer Reaktion erwartet - schließlich lief ja sein bisheriges Lebens-Script so ab; und genauso unübersehbar war er enttäuscht von meiner Antwort oder Handlungsweise. Ja, ent-täuscht - im wahrsten Sinne des Wortes: die bisherigen Täuschungen sind enttarnt, aufgeflogen. Das aber verwirrte ihn gleichermaßen zutiefst, wie es gerade zuvor schon sein eigenartiges Erlebnis getan hatte: er war geradezu verblüfft, keine negative Reaktion, keinerlei unliebsame oder gar üble Resonanz von mir zu erfahren.
     All diese Erschütterungen seines >Weltbildes<, seines verinnerlichten Lebens-Scripts, ließen Tränen in seine Augen treten.
     Ich lächelte offen und freundlich, denn ich muss gestehen, dass auch ich mich wieder besser fühlte, wieder normal, und das gleich aus mehreren Gründen: wenn auch nicht zuerst, so doch auch aus dem Grund, dass kein dramatisch aggressiver Gewaltakt stattgefunden hatte. Dazu war mir natürlich diese vehemente und wortreiche Aussage etwas nahegegangen, weil ich den Eindruck gewann, dass Herr S. tatsächlich einige der wesentlichen Sachverhalte unserer Gespräche aufgenommen hatte, wenn auch sicherlich vieles noch nicht verarbeitet - wie ich ja soeben wahrnehmen konnte.
     Und dann die Tränen: sie sind für mich in einer Situation wie dieser immer das untrügliche Zeichen, dass nun auch tatsächlich Veränderung beginnt, weil Einsicht auf einer tieferen Ebene stattgefunden hat, die wichtiger ist als die mentale oder intellektuelle. Denn nur, wenn die Vernunft des Selbst betroffen ist, kann der Mensch sich wirklich verändern - persönlich spreche ich dann von Erleuchtung.
     Das aber, was die klassische Psychologie anstrebt, ist nicht die Veränderung des Menschen, sondern seine Anpassung!

Ich meine damit, dass zwischen Verstand und Vernunft ein inhaltlicher Unterschied besteht, wonach der Verstand die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, Wahrgenommenes sinngemäß aufzufassen und zu begreifen, und damit einhergehend die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen und zu bewerten. Vernunft hingegen bezeichnet das weitergehende Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen und Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen und sinnvoll einzuordnen, und nach Erkenntnis der Rangordnung gegebener Werte vor allem sein Handeln danach zu richten. Eine noch höhere Stufe aber ist die  Vernunft des Selbst - hier mag jeder Leser einen ihm adäquaten Begriff einfügen! -, weil sie die berechnende, Ich-bezogene Vernunft des gewöhnlichen Menschen weit übertrifft. Allerdings erreichen nur wenige Menschen diese Stufe, weil sie mehr ist als allein das sogenannte normale Leben zu verstehen und entsprechend physisch und psychisch gesund zu leben - sondern der Vervollkommnung des Menschen dient …
     Natürlich können Verstand und Vernunft durch ähnliche Worte ersetzt werden; denn das entscheidende Moment ist ja, dass ein Mensch nicht bei seiner Einsicht stehen bleibt, sondern diese umsetzt in Handlung.
     Um dann vielleicht sogar zu erkennen, dass es noch mehr gibt und nicht beim Ich stehen bleibt, sondern mit der Entwicklung des Selbst beginnt - jenem höheren Teil des Menschen, den manche Schulen den transpersonalen Aspekt nennen. Und auch ich bin bemüht, die klassische Psychologie und Psychotherapie um philosophische, religiöse und spirituelle Aspekte zu erweitern - da aus meiner Sicht sonst nicht die gesamte komplexe Persönlichkeit des Menschen wahrgenommen wird, sondern nur sein reduzierter, sein >wissenschaftlich beschreibbarer< Teil - kurz: sein animalischer.
     Das ist mir zu wenig!
     Und ein Armutszeugnis für die klassische Psychologie, die sich zwar >Wissenschaft der Seele< nennt, gerade aber ihren behaupteten Gegenstand der Untersuchung - nämlich die Seele … um gar nicht noch vom Geist zu reden! - ausklammert …
     Warum?
     Weil die klassische Psychologie eben nicht die Veränderung des Menschen - die Veränderung zum Menschen, um es genau zu sagen - anstrebt, sondern nur seine Anpassung - nämlich die an die Herde!

Er lehnte sich zurück und entspannte sich etwas, zumindest entkrampfte er die Muskeln seines Körpers, seiner Hände.
     »Auf der Suche war ich immer. Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit der Selbstfindung, dem Sinn des Lebens … und heute musste ich sehen, dass ich nicht weit gekommen bin … ich war immer unzufrieden … ich war immer unzufrieden. Ich kannte so viele, die studiert haben, die aus ihrem Leben etwas gemacht haben, und ich habe nichts gemacht - ich wusste einfach nicht, was ich wollte.
     Und in den letzten Minuten ist mir klar geworden, dass mir das niemand zuträgt, dass ich das rausfinden muss. Dass ich auch Hilfe brauche, dass ich nicht alles selbst erkennen kann … und dass ich noch keine grundsätzliche Entscheidung getroffen habe, nicht einmal die, ob ich leben will!
Ich habe der Wahrheit noch nicht ins Auge geblickt. Ich habe auch viel Angst davor … dass ich die Wahrheit akzeptieren muss. Dass das Spiel, das ich spiele, nicht weiterläuft. Die Angst ist so groß … weil ich mich sicher schämen würde … ich weiß aber, dass ich lange genug gezaudert habe. Dennoch bin ich zu feige. Ich habe Angst, dieses Problem zu bewältigen, da eine Entscheidung zu treffen und das, was sich daraus ergibt, zu akzeptieren … bisher konnte ich mich nicht entscheiden, weil ich immer weggelaufen bin. Vor allem vor dem. Vermutlich laufen deshalb auch alle anderen Dinge so, wie sie laufen. Das Problem ist der Dreh- und Angelpunkt. Und ich weigere mich, diese Entscheidung zu treffen, das Problem anzugehen. Ich schieb das immer gern auf … und wenn ich das Problem angehe, daran arbeite, weiß ich ja nicht, was hinterher passiert … «
     Sehr vage hatte er hastig in den letzten Sätzen immer von dem Problem gesprochen, ohne klar zu sagen, was er damit ausdrücken wollte. Obwohl es doch aus unseren bisherigen Gesprächen und dem, was er mir heute mitgeteilt hatte, klar hervor ging, dass er von den ambivalenten Gefühlen gegenüber seiner Sexualität sprach, davon, dass er »immer den Wunsch gehabt habe, eine Frau zu sein, dass es nicht schön ist, ein Mann zu sein«. Er spiegelte somit sehr anschaulich sein momentanes Gefühlschaos wider: einerseits war da der Wunsch und, wie er heute ausdrücklich betont hatte, auch der Wille, seine Situation zu ändern; und andererseits das >Teufelchen<, mit dem er kämpfte.
     Dennoch konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass er falsch lag: er war nicht homosexuell, vermutlich tendierte er nicht einmal in eine ungewöhnlich starke bi-sexuelle Richtung - trotz einer deutlich femininen >Ausstrahlung<. Ganz im Gegenteil würde ich eher sagen, dass er eigentlich optimale Voraussetzungen mit sich brachte, auch seine femininen Anteile zu integrieren; aber er akzeptierte sie nicht, interpretierte sie als homosexuelle Veranlagung. Und das musste irritieren, zu ambivalenten Gefühlen gegenüber seiner Sexualität führen!

     Er war während der letzten Worte immer ruhiger geworden. Nun lächelte er.
     »Als ich heute an unseren Termin dachte, da merkte ich, dass da wieder so ein kleines Teufelchen in mir ist, das einfach nicht will. Es ist mir nicht neu, aber es gibt Tage, an denen es einfach herrscht. Ich kämpfe mit ihm, und die letzte Woche habe ich es auch ein Stück weit untergebuttert.
     Und heute hatte ich nicht mal ein übermäßiges Druckgefühl vor der Stunde, weil ich weiterkommen will - da taucht das Teufelchen auf: >Scheiß Mittwoch, warum gibt es dich!<, redet es mir ein. Und so tauchen Gedanken auf, dass sich tatsächlich mein schlechter Tag verschoben hat und dass es ganz offensichtlich damit zusammenhängt, dass wir uns mittwochs zu den Gesprächen treffen. 
     Ich höre das Teufelchen lachen, und statt mir zu sagen, dass ich weiterkommen will … denke ich sofort: aussteigen … wenn die Gespräche mir doch Unbehagen bereiten. Wie zur Bestätigung meiner Gedanken sehe ich Sätze direkt und deutlich vor mir, die ich an verschiedenen Tagen im Therapie-Tagebuch geschrieben habe: Woran liegt es nur, dass sich wieder so ein Hauch von Unangenehmen auf den Mittwoch legt!!? Ich habe wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen, weil mir meine Hausarbeit nicht so gelungen ist - es war und ist mir unangenehm, wenn ich ehrlich bin. Also geht die Tendenz in Richtung Flucht, und um nicht mein Gesicht zu verlieren - um nicht die Wahrheit eingestehen zu müssen! - überlege ich, ob ich nicht aus finanziellen Gründen abbrechen soll.
     Gerade da komme ich wieder zur Besinnung: war es nicht vor einigen Tagen auch so, als ich mich sträubte, mein Tagebuch zu schreiben? Wieder sehe ich den Satz: >Ich habe den ganzen Tag nichts gefühlt und nichts gedacht, bis ich's hinter mich gebracht habe, und was hat es dir gebracht, Markus? Du kannst nicht leugnen, dass es dir gut getan hat und deine Stimmung und innere Stärke positiv war. Alte Memme, du traust dich nicht einmal, dein Leben aufzuschreiben.< 
     Und ich freue mich, dass ich wieder eine Runde gewonnen habe gegen das Teufelchen - gegen das falsche Bild, die Illusion vom Super-Markus. Doch der Kampf geht weiter: ich, Markus, der das Leben bewältigt, gegen den idealisierten Super-Markus, eine Figur, die alles schafft - nur nicht im wahren Leben.«
     Wieder brach er ab. 
     Rang er nach Worten?
     Rang er mit seinem >Teufelchen<?!?
     »Und gerade, als ich dort draußen stand, draußen vor Ihrer Tür, da fühlte ich, dass diese Situation ein Beispiel war für mein ganzes bisheriges Leben. Da wurde mir klar: wenn ich jetzt gehe, dann werde ich auch die nächsten Jahre fortlaufen. Und ich wusste, dass Sie mir helfen können, denn plötzlich tauchten wie zur Bestätigung noch einmal Sätze aus meinem Tagebuch auf: Es tut sich etwas, langsam, aber der Hund hat die Fährte gefunden. Es gibt kein zurück, nur vorwärts gehen und aus Fehlern lernen … ich nahm die Schönheit dieser Landschaft wahr wie schon lange nicht mehr … irgendwie bin ich ruhiger geworden. Stimmung gut, ich ertrage sogar eine Abfuhr besser denn je und fühle mich zwischen Menschen nicht mehr so einsam … am Abend ging ich mit einer Freundin in die Nelly-Disco. Ich brauchte keinen Alkohol mehr trinken, weil ich sicher genug war, um zu reden, zu tanzen.«
     Er lächelte und es freute mich, dass er nun endlich auch die positiven Änderungen sehen konnte, sich mehr und mehr von seinem Fluch zu lösen begann, dass er perfekt sein muss - allerdings auch nur, um damit die Botschaft seiner Mutter zu erfüllen.
     »Und wenn das Praktikum zuende ist, möchte ich gerne wenigstens eine zeitlang jobben, damit auch diese Beratung noch weiter von mir finanziert werden kann.«
     Ich fand, dass es ein wenig gestelzt klang, sagte aber nichts; es zeigte mir, dass einfach noch eine Lücke klaffte zwischen seinen Vorstellungen, seinen Wünschen und der Wirklichkeit seines Ich. Aber auch wenn noch keine Deckungsgleichheit stattgefunden hat - er will daran arbeiten … und das ist noch immer der beste Anfang.
     »Wenn ich ehrlich bin: mittlerweile würde ich die Sitzung am Mittwochabend vermissen, wenn es sie nicht gäbe. Es macht mir zwar nicht immer Spaß zu plaudern, aber seit geraumer Zeit lebe ich bewusster und bin schon aufnahmefähiger für wichtige Dinge: ich kann mich auch besser auf für mich notwendige Dinge konzentrieren.«
     Er erhob sich, streckte mir die Hand entgegen.
     »Ich möchte dennoch jetzt gehen, weil es mir trotzdem unangenehm wird. Es ist nicht wie sonst: das hier stresst mich jetzt unheimlich wegen der Ereignisse … der … Erscheinung … so etwas habe ich noch nie erlebt. Und das muss ich erst einmal verarbeiten.«
     Ich ergriff seine Hand und verabschiedete mich.

     An der Praxistür wandte er sich mir noch einmal zu.
     Er lächelte, als er sagte: »Bis nächsten Mittwoch … in neuer Frische … «


Es ist nicht so, dass Erlebnisse dieser Art für mich etwas Neues sind: sie begleiten mich eigentlich schon sehr lange in meinem Leben und ich kann mich bewusst erinnern, die ersten nach dem Ende meiner Pubertät erlebt zu haben; vielleicht gehörten sie bereits vorher zu meinem Leben, aber da ich als Kind schon eine rege Phantasie hatte, möchte ich da nichts vorgeben, wo möglicherweise nichts ist. Darum auch die Wortwahl: ich kann mich bewusst erinnern.
     Darüber hinaus haben mir zahlreiche andere Menschen von solchen Erlebnissen, Ereignissen oder Erscheinungen erzählt - sowohl privat als auch während meiner therapeutischen Tätigkeit -, und jeder benannte das Geschehene anders; doch jeder von ihnen war überzeugt, dass es geschehen war.
     Ich auch, zumindest bei den meisten von ihnen, deren Erzählungen ich einreihe in die spirituellen Phänomene, die geistlichen Erfahrungen, und ich halte sie durchaus für normal bei den meisten Menschen; eher wundere ich mich, dass nicht noch öfter darüber berichtet wird. Allerdings hege ich den Verdacht, dass viele Menschen sich nicht trauen, über derartige Phänomene zu sprechen, aus Furcht davor, zum Spinner erklärt zu werden - bestenfalls.
     Leider musste ich allerdings auch erleben, dass gelegentlich derartige Ereignisse auf Phantasien eines gestörten oder schon kranken Geist hinweisen; dann blieb - und bleibt! - mir nichts übrig, als einen klinischen Helfer zu Rate zu ziehen, da ich unmöglich die Verantwortung übernehmen kann. Ich halte mich schon für einen starken Menschen auf dem geistigen und geistlichen Gebiet; aber wo mörderische Gedanken als tatsächlich und üblich den Geist überschwemmen und so stark in den Vordergrund treten, bis sie alles dominieren, ist es Zeit für mich, den Platz zu räumen für eine andere Art von Kompetenz.

Erkenntnis ist nicht nur Einsicht - das ist lediglich die Hälfte; aber weil die meisten Menschen sich schon damit zufrieden geben, kommt es auch zu keiner wirklichen oder wesentlichen Veränderung. Darum ist es wichtig, das äußerlich Wahrgenommene oder das wahrgenommene Äußere mit den eigenen inneren Ideen und Vorstellungen zu vergleichen und anschließend - zu handeln; das ist die zweite, ergänzende, vervollkommnende Hälfte der Erkenntnis.
     Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: meine inneren Ideen und gleichermaßen die äußeren Gegebenheiten so zu verändern, dass sie sich zu einem harmonischen, ästhetischen Ganzen entwickeln; das nenne ich transpersonale Freiheit, weil es nicht nur meine >Persönlichkeit< betrifft, sondern die gesamte Gemeinschaft. 
     Dann ist da die Möglichkeit, nach der Einsicht allein die inneren Ideen zu verändern, um sie den äußeren Verhältnissen, dem scheinbar objektiv Wahrgenommenen anzugleichen; das nenne ich Anpassung, was an sich weder gut noch schlecht ist, solange es nicht ausschließlich dem Eigennutz dient, sondern vorrangig dem Wohl der Gemeinschaft. Ja, es kann durchaus edel genannt werden, wenn ein Mensch auf Grund seiner Erkenntnis ohne Groll auf seine persönliche Freiheit verzichtet, um mit seiner Kraft dem Gemeinwohl zu dienen. Zufriedene Freiheit wird diese Möglichkeit hingegen wohl nur in den seltenen Fällen sein, in denen das wahrgenommene Äußere problemlos mit den eigenen inneren Ideen zu einer Einheit verschmilzt; vielleicht könnte man das auch >gelungene Sozialisation< nennen. Überwiegend aber wird es sich um eine zwanghafte Anpassung handeln, die zu einer steten Quellen von Unzufriedenheit wird.

     Warum aber geben sich dann selbst jene Menschen, die nach ganzheitlicher Erkenntnis streben, schon mit der Einsicht zufrieden, ohne zu handeln?
     Weil sie sich selbst betrügen und im Grunde ihres Herzens eben nicht nach der Wahrheit streben, sondern nach Überlegenheit, nach Macht durch Wissen; und diese Einsicht mag ihnen schon genügen, um sich über andere Menschen zu erheben.

© Frank M. Finke

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